Valle Kunterbunt | #Interview nr. 01

Endlich ist es soweit – ich kann mit der Vorstellung von Valle nun das allererste Künstlerinterview veröffentlichen! Ich hab euch ja versprochen, dass ich mehr guten und vor allem inspirierenden Content für den Blog bereitstellen will. Eine Kategorie sollen Interviews mit Kreativen sein.

Warum? Weil ich finde, dass in Geschichten von anderen Menschen oft ganz viel steckt was mich persönlich voran bringt, inspiriert und ich liebe es einfach das zu hören. Deshalb will ich so etwas machen und es mit euch teilen. Ich erhoffe mir dadurch eine lebendige Seite zu gestalten und eine sich gegenseitig unterstützende Community zu bilden.

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Heute stelle ich euch eine Künstlerin vor: Valle Kunterbunt. In Bayreuth hat sie ihr eigenes Tattoostudio. Genau so haben wir uns auch persönlich kennengelernt, denn ich habe mir dieses Jahr einen lang gehegten Wunsch erfüllt und mir ein wunderschönes Tattoo bei ihr stechen lassen. Während wir da so ein paar Stunden zum quatschen hatten, kam mir der Gedanke Valle zu fragen ob sie denn nicht Lust auf ein Interview hat. Und wie man sieht war die Antwort ein Ja.

12. August 2019

Knapp 2 Wochen nach meinem Tattootermin betrete ich das gemütliche Studio von Valle erneut. Diesmal für ein Interview. Ich bin nervös, habe so etwas schließlich noch nie gemacht. Ihr Studio ist voll mit unzähligen Bildern, Entwürfen und Gemälden. Ein Raum voller Inspiration und Kreativität. Es wirkt wie ein ganz persönlicher Rückzugsort. Die Kunst hängt wirklich überall: An den Wänden, an der Decke, am Tresen gibt es lustige Sprüche. Als Künstler kann man sich hier nur wohl fühlen, denn es gibt unglaublich viel zu sehen. Auch Valle ist ein wenig nervös. Wir unterhalten uns kurz, lachen ein wenig darüber, setzen uns mit einem Getränk hin und beginnen ganz entspannt mit dem Interview. 

Frage #01
Du machst ja schon ziemlich lange Kunst und nennst dich Valle Kunterbunt. Woher kam die Idee dich so zu nennen?

Das war eigentlich zufällig. Ich habe damals eine Ausbildung in einem anderen Studio angefangen und war damals mit jemandem zusammen, der mir diesen Namen gegeben hat. Da ich Kunst mache und seit Ewigkeiten blaue Haare hatte, sagte er: „Du bist halt Valle Kunterbunt, weil du bunt bist und was mit Kunst machst.“ So kam es dann dazu, rein zufällig und als ich dann meinen Laden ein paar Jahre später aufgemacht habe, dachte ich mir so: „Das wäre doch eigentlich ein ganz cooler Name – Valle Kunterbunt Tattoo“

Frage #02
Sehr coole Idee!
Hat dich denn etwas dazu bewegt Kunst zu machen oder war das auch eher zufällig?

Kunst an sich, das Malen selbst habe ich damals mit 11 angefangen. Ich bin aus einem anderen Land hergekommen, konnte die Sprache nicht, hatte keine Freunde, konnte mich also nicht richtig verständigen und hab mich zurückgezogen und das Zeichnen angefangen. Das waren dann die Anfangsschritte und ich hab damals auch nicht so schön gemalt, es waren mehr so Versuche. Aber das hat mir geholfen, falls es mir mal schlecht ging. Ich musste dann malen, damit es mir wieder gut ging. Das hab ich bis heute so gemacht und ich male heute privat auch fast nur wenn es mir schlecht geht. Das klingt vielleicht ganz komisch, aber ist so. Und das Tätowieren an sich kam dann auch wieder zufällig.

Es ist ja tatsächlich bei vielen Künstlern so, mir geht es ja auch so – die besten Ideen kommen eigentlich dann wenn es einem gar nicht so gut geht. Das können sicher auch ganz viele von den Lesern nachvollziehen.

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Frage #03
Bei unserem Tattootermin haben wir schon mal darüber geredet:
Du bist ja auch durch Zufall zum Tätowieren gekommen. Kannst du das noch einmal schildern?

Ich war damals an der FOS* in Gestaltung, da war ich 19 und wusste aber nicht recht welchen Berufsweg ich einschlagen soll. Ich hab erst überlegt vielleicht Kunst zu studieren, aber das ging alles eigentlich gar nicht. Es gab keine Unterstützung von der Elternseite, weil ich auch sehr früh daheim ausgezogen bin und da hab ich mir gedacht, dass ich auf eigenen Beinen stehen muss.

Die Idee mit dem Studium habe ich dann verworfen und noch meine Zeit auf der FOS* verbracht. In diesem Zeitraum habe ich jemanden kennengelernt, der viele Tattoos hatte. Ganz große und schöne Sachen was ich bis dato noch nicht so gesehen hatte. Dieser Mensch ging zum Tätowieren in das Studio in dem ich später anfing zu arbeiten.

Weil ich es so cool fand, wollte ich nun auch Tattoos, bin mit meiner Zeichnung zu diesem Studio. Natürlich war der Entwurf als Tattoo überhaupt nicht umsetzbar. Das Bild wurde dann für mich umgestaltet und was man aus meiner Zeichnung gemacht hat, begeisterte mich sehr, dass es klick gemacht hat. Ich dachte: „Wow! Was für ein cooler Beruf. Du kannst kreativ sein, dich einbringen und verdienst gleichzeitig gutes Geld.“

Der künstlerische Aspekt dieses Berufs nicht mehr losgelassen. Im Fernsehen schaute ich Sendungen wie High Voltage von Kat von D. Das hat mich so inspiriert, dass ich mir dachte: „Geil! Das will ich auch unbedingt machen.“
Ich gab meine Zeichnungen der Chefin, durfte ein Praktikum machen und dann ging die FOS weiter. Und als die Schule vorbei war hatte ich immer noch keine Bewerbungen für irgendwas geschrieben. Deshalb habe ich noch einmal ein Praktikum im Tattoostudio gemacht und bin sozusagen dort geblieben. Da war ich dann zwei Jahre.

Ja das ist total spannend. Wie es doch immer im Leben so ist, dass man durch Zufall auf solche Dinge stößt und sich daraus dann etwas entwickelt. 

Frage #04
Inzwischen bist du selbstständig und hast deinen eigenen Stil entwickelt, wie würdest du ihn beschreiben?“

Ich mache hauptsächlich Watercolor Tattoos, sie sind bunt und abstrakt angehaucht. Ich liebe es verschiedene Elemente und Stile zusammenzufügen. Es ist ein sehr weiblicher beziehungsweise mädchenhafter Stil, weshalb ich überwiegend eine weibliche Kundschaft habe. 

Freie Formen dominieren die Motive, Striche spielen verrückt. Wenn ich eine vorgefertigte Tattoo Skizze habe, lasse ich mich dadurch nicht eingrenzen, vieles entsteht aus dem Gefühl.

Oft ändere ich Linien oder Ideen spontan ab, fast so als ob mich die Linie führt und nicht umgekehrt. Tattooskizzen sind für mich also dass was sie sein sollten: nur eine Vorlage und eine Anregung. Der Rest entsteht im Flow.

Frage #05
Apropos Vorlage und Anregung. Du hast es vorhin ja schon mal angesprochen: Du bist ja schon in jungen Jahren hergekommen. Hat dich dein früheres Umfeld da auch geprägt, also in welche Richtung deine Kunst oder deine Motive gehen? Hast du da einen speziellen Einfluss her?

Eigentlich gar nicht. Ich habe mich von meinem früheren Leben komplett distanziert und mir hier meine Identität aufgebaut. Die kleine Valle von damals gibt es heute sogar nicht mehr, da ich alles weit weg geschoben habe. Auch als Verarbeitungsprozess, damit ich mit allem klar komme.

Du hast sozusagen zwei Identitäten und weißt nicht genau wo du hingehörst und deshalb hat meine Kunst auch nicht irgendwie etwas mit einem Umfeld oder so zu tun.  Man muss sowieso unterscheiden zwischen mir als Tattoo Artist und mir als Künstlerin im Privaten.

Als Tätowiererin muss ich mich auch nach den Kundenwünschen richten. Privat male ich einfach drauf los. Klar spielen aktuelle Erlebnisse eine Rolle, aber nicht unbedingt meine Herkunft oder meine Vergangenheit.

Also ich denk‘ da jetzt nicht dran „das mal ich jetzt“ und das male ich dann, sondern es entsteht während ich zeichne von Null. Ich male gerne Frauen, weiß nicht genau warum. Aber ich denke, dass das immer in irgendeiner Form ein Selbstportrait ist. Also die Frauen sehen zwar immer unterschiedlich aus oder ähneln mir nicht, aber das ist denke ich eine Art Verarbeitung. Was ich in letzter Zeit auch immer eigentlich gemacht hab‘ ist, dass die Frauen blaue Haare haben.

(*FOS= Fachoberschule für Gestaltung)

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Frage #06
Das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn als Künstler gibt man ja oft sehr viel von sich selbst in seine Arbeiten mit hinein.
Was treibt dich eigentlich so im Leben an?

Das ist eine schwierige Frage, lass mich mal überlegen. Generell ist mir sehr wichtig unabhängig zu sein. Ich habe durch die Arbeit in meinem alten Studio gemerkt, dass ich selbst keine Autoritätsperson neben mir haben kann. Auf manche Sachen reagiere ich da sehr empfindlich. Wenn mir gesagt wird wie ich etwas zu machen habe, dann müsste ich mich verbiegen.

Ich muss selbst etwas aufbauen und wenn ich mal scheiße mache, dann weiß ich auch wen ich zur Verantwortung ziehen muss – und zwar mich selbst. Das ist mir ganz wichtig. Klar ist es mit der Selbstständigkeit ein Schritt, der ein großes Risiko bringt. Du hast weder eine Altersabsicherung noch sonst irgendwas, aber auf eigenen Beinen zu stehen ist mir ganz ganz wichtig.

Das sehe ich bei meiner Mutter. Sie ist gar nicht selbstständig, sondern in Mustern gefangen und so will ich nicht sein. Das ist das was mich immer vorantreibt mein eigenes Ding zu machen. Das ist ein Beispiel wie es sein kann sein Leben nicht unter Kontrolle zu haben. Ich wollte das immer anders machen.

Mich fasziniert vor allem auch der künstlerische Aspekt, dass ich wirklich das machen kann worauf ich Bock hab. Man hat im Umfeld oft auch Freunde und Bekannte, die mit ihrem Job total unzufrieden sind. Du bist dann da oft in so einer Spirale gefangen und kannst kaum ausbrechen, es sei denn die Gesundheit leidet darunter. Das ist Gang und Gäbe und so möchte ich nicht leben. Klar ist das alles ein Risiko. Mein eigener Chef zu sein, ist es mir wert. Diese Freiheit ist mir sehr wichtig.

Eine sehr schöne Aussage und ein sehr guter Aspekt. Besonders sich allgemein nicht verbiegen zu lassen und nicht in diesen Mustern gefangen sein zu wollen.

Ja, ich bin ein Fan davon Muster zu druchbrechen. Wenn es um familiäre Sachen geht, da lernst du aus deinem Umfeld. Die Leute machen immer weiter und weiter, wie in einem Hamsterrad und eigentlich will man doch, dass es einem besser geht. Deshalb ist mir das so wichtig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. 

Jeder von uns ist doch in so einem Hamsterrad gefangen. Da sollte man mal drüber nachdenken.

Frage #07
Welcher Künstler inspiriert dich denn?

Generell hat mich Surrealismus schon immer fasziniert. Vor allem René Magritte oder Salvador Dali. Aber auch superrealistische Vanitas Darstellungen oder generell  Menschen mit all ihren Formen und Schatten. Von da habe ich meinen Hang zum Abstrakten entdeckt.

Auch hier muss man zwischen privatem Zeichnen und tätowieren unterscheiden. Ich schau mir viele Tätowierer und Tattoos an, versuche mich aber so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen. Ich habe den Watercolor Tattoo Style ja nicht erfunden, da gibt es viele Tätowierer, die das ähnlich machen. 

Im Gegensatz zu meinem Tattoos, die eher fröhlich angehaucht sind, zeichne ich privat gerne andere Emotionen: traurige Augen, düstere Stimmung, oft sehr surreal, fast schon realitätsfremd.

Wenn ich Künstler nennen soll die mich inspirieren, dann sind es eher nicht Maler oder Tätöwierer, sondern Musiker. Musik spielt in meiner Kreativität eine sehr wichtige Rolle. Ich höre immer laut Musik wenn ich zeichne und verliere mich förmlich darin. 

Da kann ich jetzt nicht alles nennen, wichtig sind unter anderem die Sängerin Sevdaliza, eine iranische Künstlern. Oder auch TUA, ein deutscher Künstler, der wie ich ukrainische Wurzeln hat. 

Frage #08
Was bedeutet denn Kunst für dich, also nicht im klassischen Sinne von der Wortbedeutung her, sondern persönlich?

Es gibt ja so viele Arten von Kunst. Egal ob wir da von Musik, Tanz, oder Zeichnen  sprechen, bis hin zur Poesie, Architektur oder ganz abgefahrenen Sachen: Performance Art oder einfach jemandem der Steine zu Skulpturen stapelt.

Es gibt unzählige Möglichkeiten seine Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Meine ist eben Zeichnen und tätowieren. Du kannst alles malen und es gibt keine Grenzen. Das ist was mich fasziniert, du kannst da einfach frei sein.

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Frage #09
Muss Kunst für dich eine Bedeutung haben oder kann sie auch einfach nur mal schön sein?

Wie sagt man immer so schön: Kunst liegt im Auge des Betrachters.  Was ist schön? Ist die Mona Lisa schön? Sind Grafittis schön? Sind Tattoos schön? Da scheiden sich die Geister. Jeder sieht in Kunst etwas anderes. Du schaust ein Bild an und findest es schön, ein anderer findet es furchtbar. Das ist ja auch Definitionssache. Aber so im Sinne, dass du sagst ich mal jetzt unbedingt was mit Bedeutung muss nicht sein.

Du malst ja aus deinem Gefühl heraus und weißt vielleicht selbst nicht was dich dazu bewegt. Das fließt unterbewusst mit ein. Jeder soll Spaß dran haben. Wenn jemand nur Bälle malt und das schön findet, dann soll er das malen. Es gibt Künstler, die 1000 mal das gleiche Bild malen und das ist auch Kunst.

Frage #10
Du bist ja Tattoo-Künstlerin, was genau macht das Tätowieren für dich so besonders?

Man kann kreativ sein!

Die Leute kommen und ich kann ihre Wünsche in meinem Stil umsetzen. Du hast zum Beispiel die Freiheit dir selbst etwas auszudenken. Natürlich gibt es auch Tätowierer, die einen Katalog haben woraus man wählen kann. Aber das geht für mich in die falsche Richtung. Wenn es so viele kluge und kreative Köpfe gibt, warum sollte man das nicht auf die Haut übertragen.

Es ist richtig cool, dass die Leute zu mir kommen weil sie genau meinen Stil mögen und nicht weil sie etwas Vorgefertigtes wollen. Das gibt mir auch Selbstbewusstsein. Im Privaten bin ich nicht der Mensch, der viele Freunde hat. Ich habe ein paar, die ich an der Hand abzählen kann und bin bei allen anderen Menschen richtig schüchtern und habe Angst davor.

Sobald ich aber in mein Studio gehe, meine Tattoos entwerfe und die Leute sagen „Geil“, gibt mir das so viel Kraft und Selbstbewusstsein. Das treibt mich auch an.

Natürlich ist es nicht unwichtig, dass ich davon auch leben kann. Ich mache gleichzeitig Leute glücklich und kann meine Miete bezahlen, besser geht’s doch gar nicht.

Dann sind wir auch schon am Ende angekommen. Danke für deine Zeit und Unterstützung!

Ein Schlusswort

Wow! Das erste Interview geschafft, mich getraut jemanden zu fragen und mit meiner Idee nach außen zu gehen. Es tut gut! Es hat unglaublich Spaß gemacht. Danke für diese Möglichkeit, liebe Valle!

Valle habe ich als eine sehr nette Persönlichkeit kennengelernt. Für mich war es super interessant mit ihr zu reden und Dinge zu erfahren. Sowohl für das Interview als auch was man zwischendurch so geredet hat. Ich liebe es Geschichten von Menschen zu hören, die für etwas brennen. Menschen mit einer Leidenschaft.

Ich habe dieses Gespräch sehr genossen und hoffe, dass ich noch viele weitere inspirierende Menschen kennenlernen darf!

Wollt ihr mehr von Valles Kunst & Tattoos sehn?

Dann besucht ihren Instagram Account – dort gibt es einen wundervollen Einblick in ihren Style!
Valle Kunterbunt Instagram

Diesen Print hat mir Valle noch geschenkt. Die Farben sind grandios! Danke dir!

Ihre Kunstwerke verkauft sie auch als Drucke bei Etsy: Valle’s Shop

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